Simon Stevin, posthumes Porträt. | Leiden, Universitätsbibliothek, Douza-Archiv
Simon Stevin
Der Blick der Wissenschaft
Der vielseitige Wissenschaftler Simon Stevin lieferte wichtige Beiträge zu Mathematik und Physik und Naturkunde, Logik und dem Studium von Sprachen, fand als Ingenieur aber auch Lösungen für vielerlei praktische Probleme. Zusammen mit unter anderem Gerard Mercator und Andreas Vesalius steht er für die Modernisierung der Wissenschaft.
Stevin wuchs in Brügge auf, arbeitete einige Zeit in Antwerpen und zog als Dreißiger nach Leiden, vermutlich aufgrund seiner protestantischen Überzeugung. Er verbreitete das Dezimalsystem, das schon im 10. Jahrhundert in der arabischen Welt erfunden worden war, das er aber weiterentwickelte. Er erfand niederländische Wörter, die noch immer gängig sind, wie „evenwijdig“ (für parallel), „wiskunde“ (für Mathematik) und „scheikunde“ (für Chemie). Daneben verbesserte er die Funktion von Schleusen, ersann Zinstabellen für die Tilgung von Hypotheken und schuf die Grundlage für die gewerblich-technische Ausbildung. Als einer der Ersten in den Niederlanden unterstützte er die These des Kopernikus, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und huldigte dem Prinzip der Volkssouveränitätdas Prinzip, dass die höchste Autorität beim Volk liegt und ein Staatsoberhaupt sich an Gesetze und Vereinbarungen mit der Bevölkerung halten muss . Mit seiner empirischen und auf genauen Beobachtungen gestützten Arbeitsweise trug er zu neuen, modernen Standards für die Wissenschaft bei.
Antwerpen, Sammlung Stadt Antwerpen, Historische Bibliotheek Hendrik Conscience, Flandrica, G 50187
In De Thiende (1585) formulierte Stevin die Rechengrundregeln für Dezimalzahlen und erörterte deren praktischen Anwendungen. Stevin bereitete mit seiner Arbeit der Verwendung der römischen Ziffern in Europa ein Ende, mit denen sich schwer rechnen lässt.
Der Blick der Wissenschaft
Um 1586 stand Simon Stevin auf dem Turm der Nieuwe Kerk in Delft, um von dort zwei unterschiedlich schwere Bleikugeln gleichzeitig herabfallen zu lassen. Sie schlugen gleichzeitig auf dem Boden auf. Mit diesem einfachen Experiment widerlegte Stevin eine fast zweitausend Jahre alte Theorie des Aristoteles, die viele Wissenschaftler noch für wahr hielten. Leichte und schwere Objekte fallen sehr wohl gleich schnell! Ein Experiment, das 2022 mit extremer Präzision wiederholt und bestätigt wurde.
Wichtiger noch als das Ergebnis dieses Experiments war, dass Stevin demonstrierte, wie Theorie in Kombination mit Experimenten zu einer zuverlässigen wissenschaftlichen Methode führt. Nicht umsonst lautete seine Devise „Wonder en is gheen wonder“ („ein Wunder ist kein Wunder“): physikalische Phänomene (Wunder) können von der Wissenschaft ergründet werden und verlieren dann ihre Unerklärlichkeit.
Wie Andreas Vesalius, Rembert Dodoens und Gerard Mercator war Stevin ein Gesicht der wissenschaftlichen Revolution, die sich im 16. Jahrhundert vollzog. Diese Gelehrten warben für neue Forschungsweisen und erfanden wissenschaftliche Anwendungen. Sie schöpften immer noch Inspiration aus der klassischen Antike, hielten die alten Einsichten aber nicht mehr sklavisch für wahr. Sie wollten selbst experimentieren, beobachten und neue Gesetze formulieren.
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