Jacques Brel begeistert Saal L’Olympia in Paris. | Belga Image, 50307080
Le plat pays von Jacques Brel
Französischsprachige Kultur in Flandern
1962 besang Jacques Brel die Nordsee, die Schelde und die nassen, grauen Himmel über Le plat pays. Das Lied bleibt eine der schönsten Oden an die flämische Landschaft. Mit den Flamen selbst verband den Brüsseler Chansonnier eine komplexe Beziehung.
Sam Cooke, Marlene Dietrich, Frank Sinatra, David Bowie, Nina Simone: Jacques Brel wurde von den Großen der Erde gecovert, und näher an zu Hause auch von Liesbeth List und Will Ferdy. In Flandern eroberte der französischsprachige Sänger mit westflämischen Wurzeln die Herzen mit Le plat pays und Marieke. Diese Lieder über seine Liebe zum „Vlaanderenland“ brachte er auch auf Niederländisch heraus. In anderen Songs wagte Brel es, die braven katholischen Flamen zu verspotten. Les Flamandes (1959), La La La (1967) und Les F[lamingants] (1977), mit Kritik an den flämischen Nationalisten, wurden nicht gut aufgenommen. In Flandern, wo das Französische lange als schicker galt als das Niederländische, war man empfindlich gegen Brels Satire. Für manche blieb er ein „Franskiljon“ – ein Schimpfwort für frankophonisierte Flamen.
Gent, Museum für Schöne Künste
Théo van Rysselberghe, Die Lesung von Emile Verhaeren, 1903. Emile Verhaeren ist in Rot gekleidet. Auch Maurice Maeterlinck befindet sich unter den Anwesenden (ganz rechts).
Französischsprachige Kultur in Flandern
Jacques Brel bezeichnete sich als „un Flamand qui parle français“ („einen Flamen, der Französisch spricht“). So forderte er für sich einen Platz in einer langen Tradition französischsprachiger Künstler, die ihre flämische Identität pflegen.
Im 19. Jahrhundert war das Französische nicht nur im Süden Belgiens, sondern auch in den höheren Kreisen in Flandern die Alltagssprache. Selbst nachdem die Flämische Bewegung ihre ersten Erfolge verbuchte, bevorzugte das Bürgertum durchweg auch weiter das Französische.
Französischsprachige Autoren bezogen sich wie Brel in ihrem Werk oft auf die flämische Landschaft, in der sie aufgewachsen waren. Sie fanden auch Inspiration in der mittelalterlichen Vergangenheit, in der Folklore oder in der niederländischen Malerei. Oft war Flandern dabei eher eine poetische Größe als eine historische oder politische Realität. Um die Jahrhundertwende erreichte die französische Literatur in Flandern einen Höhepunkt. Der in Gent geborene Maurice Maeterlinck erhielt 1911 den Literaturnobelpreis. Besonders gepriesen wurde er für seine Theaterstücke. Der Dichter Emile Verhaeren wurde international mindestens ebenso hoch eingeschätzt.
Die Trennung zwischen der französischsprachigen und niederländischsprachigen Kultur war keineswegs strikt. So schrieb der französischsprachige Antwerpener Georges Eekhoud beispielsweise die erste Biografie über Hendrik Conscience. Solche Kontakte verringerten sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit der Niederlandisierung Flanderns. Als Jacques Brel nach dem Zweiten Weltkrieg seine größten Erfolge feierte, war ein Flamand qui parle français nicht mehr so selbstverständlich wie noch im 19. Jahrhundert.
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