Der erste Yserturm wurde am 24. August 1930 eingeweiht. | Diksmuide, Museum an der Yser
Der Yserturm
Das Erbe des Ersten Weltkriegs
1928 erhob sich in Diksmuide am linken Ufer der Yser ein fünfzig Meter hoher Turm, ein Denkmal für flämische Soldaten, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren. Der Yserturm wurde zu einem der umstrittensten Denkmäler in Flandern.
Gebaut wurde der Turm auf Initiative des Yser-Wallfahrt-Komitees, einer katholischen flämisch-nationalistischen Gruppe, die seit 1920 jährlich eine Gedenkveranstaltung für die gefallenen Soldaten an der vormaligen Yserfront organisierte. Der Yserturm symbolisierte auch das Streben nach flämischer Eigenständigkeit. Seine Einweihung 1930 war Anlass zu kleineren anti-belgischen Ausschreitungen. Die Yserwallfahrten entwickelten sich von einer Gedenkfeierlichkeit hin zu einer – bisweilen turbulenten – flämisch-nationalistische Kundgebung.
Infolge der Kollaboration der flämischen Nationalisten mit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde der Turm nach der Befreiung von Gegnern gesprengt. Nach seiner Zerstörung wurde der Yserturm mit Geldern flämisch-nationalistischer Katholiken sowie von der belgischen Regierung wiederaufgebaut, und zwar höher als zuvor. Die Abkürzung AVV-VVK („Alles voor Vlaanderen, Vlaanderen voor Kristus“) wurde abermals angebracht, genau wie die viersprachige Friedensbotschaft „Nie wieder Krieg“.
Antwerpen, ADVN | Archiv für nationalen Bewegungen
Flämischgesinnte Soldaten schrieben mit roter Farbe auf einen Spülstein des zerstörten Frontdorfes Merkem: „Hier unser Blut, wann unser Recht“. Damit wiesen sie auf ihre benachteiligte Stellung in der belgischen Armee hin.
Das Erbe des Ersten Weltkriegs
Der Erste Weltkrieg hatte große Auswirkungen auf den Sprachenstreit in Belgien. Die deutschen Besatzer nutzten die flämische Frage aus, um Belgien zu schwächen. Die flämische Bewegung radikalisierte sich, wurde aber auch gespalten.
In dem besetzten Gebiet benutzten die Deutschen die so genannten „Aktivisten“, indem sie ihnen die Bewilligung flämischer Forderungen, ja sogar eine Form der Selbständigkeit in Aussicht stellten. Das war für die meisten flämischen Nationalisten inakzeptabel: Sie meinten, die flämischen Forderungen müssten bis nach dem Krieg warten, und sie verurteilten den Aktivismus als Landesverrat.
Auch an der Yserfront gab es Spannungen. Französisch war 1914 die Verkehrssprache in der belgischen Armee. Das störte so manchen flämischen Soldaten: Sie riskierten ihr Leben für ein Vaterland, das ihre eigene Sprache kaum berücksichtigte. Die Frontbewegung, eine Gruppe junger katholischer Intellektueller, unternahm verschiedene Protestaktionen, um das Problem anzuprangern. Sie forderte flämische Armeeeinheiten und Selbstverwaltung für Flandern.
Aus der Unzufriedenheit der Aktivisten und der Frontbewegung entstand der politische flämische Nationalismus. In der Frontpartei bündelten Mitglieder der Frontbewegung und ehemalige Aktivisten ihre Kräfte. Dort, aber auch in breiteren flämisch-nationalistischen Milieus, stieß die Yserwallfahrt auf großes Interesse. Mit ihrer Symbolik – „Alles für Flandern“ – trug die Yserwallfahrt zum Heranwachsen einer selbständigen, von Belgien unabhängigen flämischen Identität bei.
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