Pasfoto Meensel Kiezegem.

Die Verzweiflung von Meensel-Kiezegem in Neuengamme bei Hamburg. Foto von May Claerhout, 1998. | SHGL, Zola Kashafutdinova

Macht & Widerstand
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1940 - 1945
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Das Drama von Meensel-Kiezegem

Der Zweite Weltkrieg

Am 11. August 1944, zwei Monate nach der Landung der Alliierten in der Normandie, umzingelten deutsche Soldaten und flämische Kollaborateure das flämisch-brabantische Dörfchen Meensel-Kiezegem. Sie durchsuchten die Häuser und trieben die männlichen Einwohner zusammen. 71 Einwohner wurden in das deutsche Konzentrationslager Neuengamme deportiert. Nur acht von ihnen kehrten lebend zurück.

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Die RazziaPolizeieinsatz, bei der Menschen, insbesondere Juden, zusammengetrieben und festgenommen werden fand statt, nachdem drei Mitglieder des Widerstandes am 30. Juli 1944 einen Kollaborateur aus dem Dorf erschossen hatten. Seine Mutter schwor, den Tod ihres Sohnes zu rächen. Durch ihre Kontakte mit den deutschen Besatzern konnte sie fast vierhundert Mann aufbringen, um dem Dorf – in dem sie selbst wohnte – „eine Lektion zu erteilen“. Die Folgen waren desaströs.

Nicht nur in Meensel-Kiezegem, sondern im ganzen Land schlug die deutsche Besatzung tiefe Wunden. Der Zweite Weltkrieg war nicht nur ein militärischer, sondern auch ein ideologischer Konflikt. Der Graben zwischen Widerstand und Kollaboration sollte noch jahrzehntelang bleiben.

<p>Nach der Befreiung im September 1944 beschossen die Deutschen, Antwerpen und Umgebung noch bis zum März 1945 mit Langstreckenraketen, den sogenannten V-Bomben (Vergeltungswaffen). Etwa 6000 Belgier verloren durch diese Flugbomben ihr Leben. Hier die Tuinbouwstraat in Antwerpen nach dem Einschlag am 26. Oktober 1944.</p>

Antwerpen, The Phoebus Foundation, FelixArchief, Frans Claes

 

Nach der Befreiung im September 1944 beschossen die Deutschen, Antwerpen und Umgebung noch bis zum März 1945 mit Langstreckenraketen, den sogenannten V-Bomben (Vergeltungswaffen). Etwa 6000 Belgier verloren durch diese Flugbomben ihr Leben. Hier die Tuinbouwstraat in Antwerpen nach dem Einschlag am 26. Oktober 1944.

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Der Zweite Weltkrieg

Am 10. Mai 1940 fiel Nazideutschland in Belgien ein. Das passte in die Pläne Adolf Hitlers, Westeuropa zu einem großen germanischen Reich zu vereinen. Die Regierung floh nach Frankreich und von dort aus nach London. Nach achtzehn Tagen ergaben sich König Leopold III. und die belgische Armee. Die Deutschen installierten eine Militärverwaltung als Besatzungsbehörde, beließen jedoch die Generalsekretäre,die höchsten belgischen Beamten  Gouverneure und Bürgermeister zur Lenkung des Landes in ihren Ämtern. Bei Neuernennungen entschieden sich die Besatzer meist für deutschfreundliche Kandidaten.

Die Besatzung war für die Bevölkerung eine Zeit der Unterdrückung, Angst und Entbehrungen. Nahrung und Brennstoff waren knapp, die Bürger sahen sich in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt, die Pressezensur wurde eingeführt und das Parlament außer Kraft gesetzt. Für manche Gruppen waren die Folgen noch extremer. Ab dem Herbst 1940 erließen die Besatzer antijüdische Vorschriften. Ab 1942 ergriffen die Deutschen Juden bei Razzien. Über die Dossinkaserne in Mechelen wurden sie in die Vernichtungszentren deportiert. Im Oktober 1942 führte die Besatzung die Zwangsarbeit ein. Männer und Frauen mussten in Deutschland arbeiten, um die Kriegswirtschaft am Laufen zu halten. Die meisten Menschen versuchten einfach, den Krieg zu überleben, aber manche sympathisierten offen mit den Besatzern und andere leisteten heimlich Widerstand.

Im September 1944 befreiten die Alliierten den größten Teil Belgiens. Dennoch war der Krieg noch nicht vorbei. Im Dezember erfolgte die deutsche Ardennenoffensive, und zwischen September 1944 und März 1945 beschoss die deutsche Armee Antwerpen und Lüttich mit V-Bomben. Erst am 8. Mai 1945 erkannte Deutschland seine Niederlage an.

Fokuspunkte

Vlaamse Wacht.

Brüssel, Cegesoma/Staatsarchiv, 20929

Parade der Vlaamse Wacht in Antwerpen. Die Flämischen Garde führte u.a. Bewachungsaufträge für die Besatzungsarmee aus.

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Kollaboration

Manche Belgier sahen in der deutschen Besatzung eine Chance. In Flandern hatte der Vlaams Nationaal Verbond (VNV) sich schon in den 1930er-Jahren zu der neuen Ordnungwider die parlamentarische Demokratie, für ein autoritäres politisches System mit einer starken Führungsperson bekehrt. Er sah in der Besatzung eine Chance, an die Macht zu gelangen. Mit Hilfe der Deutschen brachte der VNV seine Leute in wichtige Positionen und unterstützte damit die nationalsozialistische Besatzungspolitik. Aber auch andere Organisationen boten sich den Besatzern an. Die kollaborierenden Gruppen lieferten Mannschaften für (para)militärische Einheiten und Wachdienste und übernahmen zahlreiche administrative, Kontroll- und andere Besatzungsaufgaben. Seit dem Sommer 1941 rekrutierte der VNV flämische Freiwillige für den Krieg an der Ostfront.

Auch einzelne Flamen entschieden sich für den Nationalsozialismus. Sie empfanden eine kulturelle Verwandtschaft mit dem deutschen Volk, setzten ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Hitler als autoritärem Führer, handelten aus antisemitischer Überzeugung oder waren auf persönliche oder wirtschaftliche Vorteile aus. Auch manche Unternehmer arbeiteten für die Deutschen und machten damit große Gewinne.

Zwischen 1944 und 1949 verfolgte und bestrafte die belgische Justiz zehntausende von Bürgern wegen Kollaboration. Aber schon gleich bei der Befreiung ließ die Bevölkerung ihre Wut an allen aus, die mit den Besatzern zusammengearbeitet hatten oder dessen verdächtigt wurden. Diese Repression der Straße hat sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben. Die Kollaboration und ihre Bestrafung sorgen bis heute für gesellschaftliche Diskussionen.

Brüssel, Cegesoma/Staatsarchiv

Lily Van Oost (1923-2020) war Mitglied der geheimen Armee. Ihre ersten Aufträge für den Widerstand verrichtete sie als Kurier, später organisierte sie Verstecke, Waffentransporte und Geldübergaben. Im Juli 1944 wurde sie verhaftet und nach Ravensbrück deportiert. Sie überlebte den Krieg und konnte im Juni 1945 nach Hause zurückkehren.

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Widerstand

Seit dem Herbst 1940 wandten sich immer mehr Menschen gegen die Besatzer. Sie organisierten sich in verschiedenen Widerstandsbewegungen. Spione leiteten Informationen über die deutschen Truppen an die Alliierten weiter. Die Untergrundpresse verbreitete antideutsche Flugblätter. Über Fluchtrouten wurden alliierte Piloten zurück nach Großbritannien geschmuggelt. Bewaffnete Gruppen verübten Überfälle und Attentate. Die Geheime Armee, die Unabhängigkeitsfront, die Weiße Brigade/Fidelio, die Nationale Königliche Bewegung und die Bewaffneten Partisanen waren gesonderte Organisationen, arbeiteten in der Praxis vor Ort aber oft zusammen. Auch einzelne Männer und Frauen leisteten Widerstand, indem sie Juden und anderen Untergetauchten halfen, der Besatzungsmacht entgegenarbeiteten oder Sabotage in Fabriken verübten.

Die deutschen Besatzer, oft unterstützt durch Verräter und Kollaborateure, traten hart gegen derlei auf. Mitglieder des Widerstands wurden verhaftet, gefoltert, bisweilen exekutiert. Viele politische Gefangene wurden über das Fort von Breendonk in deutsche Konzentrationslager deportiert.

Je mehr der Krieg voranschritt, je ungewisser ein deutscher Sieg und je strenger damit die Besatzung wurde, desto mehr wuchs der Widerstand. Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 trieb Kommunisten in den Widerstand. Razzien nach Juden im Sommer 1942 und die Zwangsarbeit in Deutschland ab Oktober 1942 sorgten dafür, dass immer mehr Menschen untertauchten, Untergetauchten halfen oder sich dem organisierten Widerstand anschlossen. Im Sommer 1944 zählten die belgischen Widerstandszellen zusammen ungefähr 150.000 Mitglieder, aber der Widerstand in Flandern war bedeutend schwächer als in Wallonien.

Gent, Amsab-ISG, fo013421, Volksgazet

VNV-Führer Staf De Clercq (1884-1942) hält im Sommer 1941 eine Rede anlässlich des Aufbruchs flämischer Freiwilliger an die Ostfront. Die Symbole an den Wänden zeigen klar, wo die Loyalität der VNV liegt.

Brüssel, Cegesoma/Staatsarchiv, 274133

Die Deutsch-Flämische Arbeitsgemeinschaft (DeVlag) war vor dem Krieg noch ein Kulturverein, entwickelte sich während der Besatzung aber zu einem Bundgenossen und Teil der Groß-Germanischen SS.

Brüssel, Cegesoma/Staatsarchiv, 53506

Im Fort von Breendonk installierte der Besatzer ein „Auffanglager“ für politische Gefangene. Häftlinge wurden dort unmenschlich behandelt, gefoltert, manchmal auch hingerichtet. Ab September 1941 wurde Breendonk zu einem Durchgangslager für Gefangene, die in deutsche Konzentrationslager deportiert wurden.

Brüssel, Cegesoma/Staatsarchiv, Sammlung Otto Kropf, DO4AGR – Copyright Bundesarchiv

Der abgeriegelte Strand von Ostende, 1940-1944.

 

Verzetslui bewaken de haven.
Evere, Zentrum für Historische Dokumentation des Belgischen Heeres

Widerstandskämpfer bewachen eine Kreuzung im Antwerpener Hafen, 1944.

Krijgshof.
Brüssel, Cegesoma/Staatsarchiv, 93210

Nach dem Krieg wurden um die 53.000 Belgier vom Militärgericht wegen Kollaboration verurteilt, weitere 20.000 Belgier verloren ihre Bürger- sowie ihre politischen Rechte. Die Strafen waren in Flandern ebenso streng wie in Wallonien. Auf dem Foto eine Sitzung des Kriegsrats von Mechelen (1946), wo die Angeklagten von Breendonk vor Gericht standen.

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