Trauerzug für fünf Opfer der Demonstration für das allgemeine Wahlrecht auf dem Grote Markt in Löwen, 1902. | Gent, Amsab-ISG, pk000044
Die Blutnacht in Löwen
Kämpfen ums Wahlrecht
Am Abend des 18. April 1902 zogen demonstrierende Arbeiter durch Löwen. Sie protestierten, weil das Parlament gerade das einfache allgemeine Wahlrecht abgelehnt hatte. Um neun Uhr abends eröffnete die Bürgerwachtein offizieller Ordnungsdienst aus Freiwilligen, keine Privatmiliz das Feuer auf die Demonstranten. Mit fatalen Folgen: Fünf Teilnehmer starben vor Ort, ein sechster am nächsten Tag, und vierzehn wurden verwundet. Das Ereignis ging als Blutnacht von Löwen in die Geschichte ein.
Die Demonstration war eine Initiative der Belgischen Arbeiterpartei im Rahmen einer breiteren Kampagne für das allgemeine Wahlrecht. Jeder Mann sollte eine Stimme bei den Parlamentswahlen haben, fanden die Sozialisten. Mit Manifestationen wie dieser und sogar einem Generalstreik wollten sie ihre Rechte erzwingen.
Die katholische Regierung wollte jedoch nicht nachgeben. Die Kampagne geriet zu einer Niederlage, Demonstrationen wie die in Löwen endeten in einem Blutbad. Und die Toten von Löwen sollten nicht die letzten sein. Der Kampf, alle gleichermaßen an der Politik teilhaben zu lassen, war noch lange nicht zu Ende.
Gent, Amsab-ISG, fo009534
Arbeiter in Lokeren streiken 1912 für das allgemeine Wahlrecht.
Kämpfen ums Wahlrecht
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatten nur wenig Belgier eine politische Mitsprachemöglichkeit. Damals galt das Zensuswahrecht: Nur männliche Belgier, die genug Steuern zahlten, durften wählen. Die Väter der Verfassung betrachteten Reichtum als eine Garantie für politische Verantwortlichkeit. Damit bestätigten sie die bestehenden Machtverhältnisse. 1892 entschieden kaum 2% alle Belgier über die Zusammensetzung des Parlaments.
Die junge sozialistische Bewegung wollte das ändern und forderte das allgemeine Wahlrecht. Katholiken und Liberale befürchteten, die Arbeiter könnten massenhaft für die „radikalen“ Sozialisten stimmen, und bremsten, wo sie konnten. Unter dem Druck von Protesten und Streiks billigte das Parlament 1893 einen Kompromiss: das mehrfache allgemeine Wahlrecht, verbunden mit einer Wahlpflicht. Alle Männer ab 25 Jahren mussten jetzt wählen gehen, aber wer verheiratet war, Steuern bezahlte oder studiert hatte, besaß zwei oder sogar drei Stimmen. So dominierte auch weiterhin eine Elite die Politik.
Die Sozialisten, ab 1899 unterstützt von den Liberalen, arbeiteten weiter für ein gerechteres System: das einfache allgemeine Wahlrecht. Diese Reform kam erst nach dem Ersten Weltkrieg, als überall in Europa die Revolution schwelte. Nach vier Jahren Mobilisierung der Arbeiter für die Front konnte politische Gleichheit nicht länger ausbleiben. 1919 erhielten alle Männer ab 21 Jahren gleichermaßen eine Stimme. Frauen blieben ausgeschlossen, von einer kleinen Gruppe abgesehen.
Fokuspunkte
Erfahren Sie mehr über dieses Thema
Sachbuch
De bloednacht van 18 april 1902, Leuven op de bres voor het algemeen stemrecht
Salsa!, 2019.
1900. België op het breukvlak van twee eeuwen
Lannoo, 2006.
Léonie. Burgemeester tussen dorp en adel
Davidsfonds, 2021.
Een vrouw, een Stem: een tentoonstelling over vrouw en stemrecht in België 1789-1948
Brussel, 1996.
Geschiedenis van de Belgische Kamer van Volksvertegenwoordigers 1830-2002
Kamer van Volksvertegenwoordigers, 2003.
November 1918. De terugkeer van de koning
In: Lerneux Pierre en Peeters Natasja (red.), De Groote Oorlog voorbij. België 1918-1928, Tielt, 2018, p. 30-37.
De schaduw van het interbellum. België van euforie tot crisis, 1918-1939
Lannoo, 2017.
Tien vrouwen in de politiek: de gemeenteraadsverkiezingen van 1921
Brussel, 1994.
Leve het algemeen stemrecht! Vive la garde civique! de strijd voor algemeen stemrecht, Leuven 1902
Peeters, 2002.
Nieuwkomers in de politiek. Het parlementaire debat omtrent kiesrecht voor vreemdelingen in Nederland en België (1970-1997)
Academia Press, 1998.
De geschiedenis geweld aangedaan. De strijd voor het vrouwenstemrecht 1886-1948
DNB, 1981.
Vrouw en politiek in België
Lannoo, 1998.
Fiktionales
Het land dat nooit was: een tegenfeitelijke geschiedenis van België
De Bezige Bij, 2015.
Comics
Vrouwen in gevecht
Boom, 2019.