Römische Stadtmauer von Tongeren, das einzige oberirdisch noch erhalte Steinmonument aus der Römerzeit in Flandern. | Brüssel, Flämische Agentur für bauliches Kulturerbe
Tongern, eine römische Stadt
Die Romanisierung der Niederen Lande
Tongern, die erste Stadt auf dem Territorium des heutigen Flanderns, besaß eine kilometerlange Stadtmauer, ein Aquädukt und steinerne Gebäude in einem Stil, der lokale und mediterrane Einflüsse miteinander vermischte. Von einer römischen Militärbasis wuchs Tongern zu einer Stadt mit einer gallorömischen Kultur heran.
Um das Jahr 10 vor unserer Zeitrechnung beschlossen römische Autoritäten, auf einem Plateau unweit des Jeker, eines Nebenflusses der Maas, an der Stelle eines vormaligen Heerlagers eine Stadt zu errichten. Die Landvermesser entwarfen einen typisch mediterranen Grundriss mit schachbrettartig verlaufenden Straßen. Erst baute man noch Häuser aus Holz und Lehm im traditionellen gallischen Stil. Ab Mitte des 1. Jahrhunderts nach unserer Zeitrechnung wurden immer mehr Wohnhäuser aus Stein nach römischem Vorbild errichtet, oft mit Fußbodenheizung und Wandmalereien.
Tongern wuchs zum Hauptort der Region und einem wichtigen politischen, religiösen und militärischen Zentrum heran. Die ungefähr 4,5 Kilometer lange Stadtmauer war die längste im Norden des Römischen Reiches. Ab dem späten 3. Jahrhundert setzte der Verfall ein, obgleich Tongern unter anderem als Bischofssitz wichtig blieb, von dem aus sich das junge Christentum verbreitete.
Tongeren, Visit Tongeren
Der menapische Salzhändler Catius Drousus ließ im späten 2. Jahrhundert einen Altar in Tongeren errichten, zu Ehren des römischen obersten Gottes Jupiter und den Schutzgeistern der Stadt. Die Inschrift bezeichnet Tongeren als municipium Tungrorum und ist damit die älteste namentliche Nennung einer Stadt (municipium) im späteren Flandern. Originalgetreue Nachbildung.
Die Romanisierung der Niederen Lande
Als römische Legionen den Rhein entlang bis zu den Nordseeküsten zogen, stießen sie in diesen Gebieten auf eine Kultur mit keltischen und germanischen Elementen. Nach dem ersten gewalttätigen Kennenlernen brach eine Zeit der Romanisierung an: Im Lauf von vier Jahrhunderten veränderte sich das Aussehen dieser lokalen Gesellschaften durch die Interaktion mit der römischen Kultur grundlegend.
Um das Jahr 55 vor unserer Zeitrechnung eroberte der römische Feldherr Julius Caesar das Gebiet, aber erst etwa dreißig Jahre später, unter Kaiser Augustus, wurde der militärische, kulturelle und wirtschaftliche Einfluss der Römer sichtbar. Im Kielsog der Militärs folgten Händler. Neben Waren brachten diese südländischen Neuankömmlinge auch ihre Ideen und Gewohnheiten mit. Mancherorts fanden diese fremden Gebräuche Anklang und man übernahm beispielsweise die Schrift und das Münzwesen der Römer. Die lokale und die mediterrane Kultur verschmolzen auf manchen Ebenen zu einem neuen Ganzen. Ein gutes Beispiel dieser kulturellen Mischform war die Religion: Römische Götter wurden mit ihren lokalen Entsprechungen gleichgesetzt, wie der römische Kriegsgott Mars mit seinem keltischen Gegenstück Camulos. Auch in der Architektur machte sich die kulturelle Interaktion bemerkbar. Erstmals in der Geschichte der Niederen Lande gab es Wohnhäuser aus Stein, Badehäuser und Fußbodenheizung. Dennoch verlief der Romanisierungsprozess keineswegs geradlinig. Abhängig von Ort, Landschaft und dem kulturellen Hintergrund der lokalen Bevölkerung blieben in vielen Gebieten die einheimischen Elemente weiter vorherrschend, oder römische Elemente wurden in einen anderen kulturellen Kontext gestellt.
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