Frans Van Cauwelaert, Louis Franck und Camille Huysmans: die drei krähenden Hähne auf einem Gemälde aus dem Jahr 1910. | Antwerpen, Sammlung Stadt Antwerpen, Letterenhuis, SC 28 C 1

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1910
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Drei krähende Hähne

Die Flämische Bewegung und der Sprachenstreit

Am 18. Dezember 1910 sorgte eine Versammlung in Antwerpen für Wirbel. Vor einem ausgelassenen Publikum versprachen drei Parlamentarier feierlich, das Land wie „drei Hähne“ wach zu krähen. Ihr Ziel: Alle davon zu überzeugen, dass Flandern ein Anrecht auf eine niederländischsprachige Universität habe.

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Die drei „krähenden Hähne“ waren der Katholik Frans Van Cauwelaert, der Liberale Louis Franck und der Sozialist Camille Huysmans. Und sie hielten ihr Versprechen. In den Monaten nach ihrem stürmischen Auftritt in Antwerpen hielten sie über dreihundert Versammlungen ab, von Limburg bis zur Küste, um Menschen für ihre Idee zu erwärmen. Dazu sammelten sie über 100 000 Unterschriften für eine Petition, mit der sie die Niederlandisierung der staatlichen Universität von Gent forderten.

Niederländischsprachigen akademischen Unterricht sollte es vor dem Ersten Weltkrieg nicht geben, aber der Einfluss der krähenden Hähne war groß. Nie zuvor hatte die Flämische Bewegung ein so breites Publikum erreicht. Und der Ruf nach einer niederländischsprachigen Universität sollte nicht mehr verstummen.

<p>Die ersten drei Sprachgesetze führten eine moderate Verbreitung des Niederländischen in der Strafgerichtsbarkeit (1873), der Zentralverwaltung (1878) und des öffentlichen Sekundarschulsystems (1883) ein. Auf diesem Plakat aus dem Jahr 1883 fordert der liberale Willemsfonds die Anwendung dieser Sprachgesetze.</p>

Gent, Liberas, 22-9-03-4-01-01

Die ersten drei Sprachgesetze führten eine moderate Verbreitung des Niederländischen in der Strafgerichtsbarkeit (1873), der Zentralverwaltung (1878) und des öffentlichen Sekundarschulsystems (1883) ein. Auf diesem Plakat aus dem Jahr 1883 fordert der liberale Willemsfonds die Anwendung dieser Sprachgesetze.

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Die Flämische Bewegung und der Sprachenstreit

Nach der Revolution von 1830 dominierte die französische Sprache in Belgiens Verwaltung, Justiz und Unterrichtswesen. Dem widersetzte sich die Flämische Bewegung schon bald. Sie trat für die Rechte der Belgier ein, die kein Französisch beherrschten.

Mit einer großen Petition im Jahr 1840 begannen die so genannten „Flaminganten“ den Kampf um die Anerkennung des Niederländischen. Doch erst 1873 erkannte ein erstes Sprachengesetz den des Französischen Unkundigen Rechte in juristischen Strafverfahren zu. Andere Sprachengesetze folgten, ohne an der Stellung des Französischen zu rütteln. Der Gegensatz zwischen Katholiken und Liberalen in der belgischen Politik spaltete die Flämische Bewegung, aber so konnten sowohl Katholiken als auch Liberale die flämischen Forderungen mit ihren gesellschaftlichen Vorstellungen vereinbaren.

Dank des mehrfachen allgemeinen Männerstimmrechts konnten viele einsprachige Flamen nach 1893 erstmals an Wahlen teilnehmen. Die Flämische Bewegung erweiterte ihre Zielsetzungen und strebte jetzt auch die soziale und kulturelle Erhebung der Flamen als Volk an. Das vergrößerte ihre Anziehungskraft.

1898 bestimmte das Gleichheitsgesetz, dass alle zukünftigen Gesetze auch auf Niederländisch erscheinen mussten. Die symbolische Bedeutung dessen war groß. Französischsprachige in Flandern fühlten sich bedroht. Außerdem befürchtete man in Wallonien, dass dort Rechte für Niederländischsprachige eingeführt würden.

Aus dem französischsprachigen Widerstand gegen die Sprachengesetze entstand eine Wallonische Bewegung. Diese sprach sogar davon, die Verwaltung des Landes zwischen Niederländisch- und Französischsprachigen aufzuteilen. Auch bei den Anhängern der flämischen Bewegung wuchs die Enttäuschung. Man hielt die existierenden Sprachengesetze für unzureichend. Einige wandten sich sogar ganz von Belgien ab.

Fokuspunkte

Von Bissing.

Gent, Universitätsbibliothek

Moritz von Bissing (Mitte), der deutsche Generalgouverneur Belgiens, zusammen mit deutschen Offizieren und Professoren der Flämischen Hochschule in Gent am 21. Oktober 1916.

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Die Genter Universität wird niederländischsprachig

Die Kampagne der krähenden Hähne für die Niederlandisierung der Genter Universität trug nicht sogleich Früchte. Aber im Sommer 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Die deutschen Besatzer betrieben eine so genannte Flamenpolitik. Indem sie radikale Elemente in der Flämische Bewegung, die so genannten „Aktivisten“, unterstützten, hofften sie, in Flandern eine antibelgische und prodeutsche Haltung heranzuzüchten.

1916 beschloss die deutsche Besatzungsbehörde, in Gent eine „Flämische Hochschule“ zu gründen. Obwohl hiermit eine flämische Forderung erfüllt wurde, waren viele Flämischgesinnten über diese Maßnahme empört. Auch die krähenden Hähne Van Cauwelaert, Franck und Huysmans fanden, dass eine Kollaboration mit den Besatzern ihrem Projekt schadete. Nur eine kleine, radikale Gruppe von Professoren und Studenten unterstützten die neue flämische Institution.

Nach der deutschen Niederlage von 1918 machte die belgische Regierung die Entscheidungen der Besatzungsbehörde rückgängig. Die staatliche Universität Gent eröffnete wieder in Französisch. Daraufhin setzte die Flämische Bewegung den Kampf für eine niederländischsprachige Universität weiter fort. Nach vielen Protestaktionen, parlamentarischen Debatten und einer zweisprachigen Institution, die als Kompromiss niemanden zu faszinieren vermochte, verabschiedete das belgische Parlament 1930 endlich ein Gesetz, das die Universität niederländischsprachig machte.

Cami Stone, in Vermeylen, Gesammelte Werke, abgerufen über DBNL

August Vermeylen (dritter von links) zu Beginn seines Rektorates, Eröffnungssitzung vom 21. Oktober 1930.

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August Vermeylen: Flame und Weltenbürger

Als die Genter Universität 1930 niederländischsprachig wurde, musste sie sich einen neuen Rektor suchen. August Vermeylen war die ideale Besetzung dafür. Er hatte in Brüssel studiert, lehrte aber schon seit 1923 Kunst- und Literaturgeschichte in Gent. Auch außerhalb des akademischen Milieus genoss er Ansehen als Schriftsteller und als Gründer der bahnbrechenden Literaturzeitschrift Van Nu en Straks.

Vermeylen hatte eine sehr klare Vorstellung, welche Richtung die Flämische Bewegung einschlagen sollte. Intoleranz und antibelgische Gefühle waren für ihn von Übel. Auch die romantischen Ideen und Erzählungen von Autoren wie Hendrik Conscience waren seiner Ansicht nach allmählich überholt.

Das Abtrotzen von Sprachrechten genügte Vermeylen nicht. Leben und lernen in der eigenen Sprache war nur ein erster Schritt zu einem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Vorwärtskommen. Nur so könnte der Flame voll und ganz an der europäischen Kultur teilhaben. „Um etwas zu sein, müssen wir Flamen sein“, hatte er dazu bereits 1900 in Van Nu und Straks geschrieben. „Wir wollen Flamen sein, um Europäer zu werden.“ Ein solider Unterricht auf Niederländisch, von der Grundschule bis zur Universität, war wesentlich, um aus den Flamen solch vollwertige Europäer zu machen.

Van nu en straks.
Gent, Museum für Schöne Künste

August Vermeylen (1872-1945) gründete im Jahr 1893 zusammen mit u.a. dem Schriftsteller Cyriel Buysse (1859-1932) die Zeitschrift Van nu en straks (Jetzt und Später). Man suchte Anschluss an internationale Kunstströmungen. Die grafische Gestaltung durch Henry Van de Velde (1863-1957) gilt als bahnbrechend für die flämische Typografie.

Cooremans.
Unser Land: in Wort und Bild, Wikimedia Commons

Edward Coremans (1835-1910), ein katholischer Abgeordneter für Antwerpen, war lange Zeit die Stimme der Flaminganten im belgischen Parlament. Er war Mitinitiator verschiedener Sprachgesetzgebungen, darunter der Gleichheitsgrundsatz.

Antwerpen, Sammlung Stadt Antwerpen, Letterenhuis

Der Ökonom Lodewijk De Raet (1870-1914) war ein tonangebender Befürworter der niederländischen Ausrichtung an der staatlichen Universität Gent. Seiner Ansicht nach war das notwendig, um Flandern wirtschaftlich zu stärken und mehr Wohlstand zu generieren.

Antwerpen, ADVN | Archiv für nationale Bewegungen

Eine französischsprachige Karikatur aus dem Jahr 1911 über die drei krähenden Hähne.

Lüttich, Musée de la Vie wallonne

Im Jahr 1912 schrieb der wallonische Sozialist Jules Destrée (1863-1936) einen offenen Brief an König Albert, Sur la séparation de la Wallonie et de la Flandre (Über die Trennung Walloniens und Flanderns). Darin plädierte er dafür, aus Belgien einen Föderalstaat zu machen.

In 2014 bracht de VRT een fictiereeks over de Eerste Wereldoorlog, In Vlaamse velden. De Gentse dokter Philippe Boesman (fictief personage gespeeld door Wim Opbrouck) steunt de Duitse plannen om een ’Vlaamsche Hoogeschool’ op te richten in de hoop er professor te kunnen worden.
Menuet/VRT, 2014

2014 strahlte der Sender VRT eine Fernsehserie über den Ersten Weltkrieg aus, In Vlaamse velden (Auf Flämischen Feldern). Der Genter Arzt Philippe Boesman (fiktive Figur, gespielt von Wim Opbrouck) unterstützt die deutschen Pläne zur Gründung einer Flämische Hochschule, weil er hofft, dort Professor werden zu können.

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Frans van Cauwelaert 2
Ten huize van … Frans van Cauwelaert

Bron: VRT archief – 13 mei 1960

Vlaamse beweging
Brave Little Belgium – België onder de pinhelmen

Bron: VRT archief, Canvas en Minds meet – 19 aug 2014

Vlaamse hogeschool
Vlaamse universiteit Gent plechtig geopend (restauratie: Koninklijk Belgisch Filmarchief)

Bron: VRT archief – 1933 Archief de Landtsheer

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Van de Belgische naar de Vlaamse natie: een geschiedenis van de Vlaamse beweging

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