Paul Deman (1889-1961) aus dem westflämischen Rekkem, der erste Sieger der Runde von Flandern im Jahre 1913. Foto etwa um 1922. | Roeselare, KOERS – Museum des Radsports, AC05570
Die Flandern-Rundfahrt
Das Land des Radrennens
„Flanderns Schönste“: Mit diesem Ausdruck verweisen Flamen nicht auf eine Person, eine Landschaft oder ein Gemälde, sondern auf ein Radrennen. Das sagt etwas über die Beliebtheit des Radrennsports im Allgemeinen – und der Flandern-Rundfahrt im Besonderen.
Der erste Startschuss zur Flandern-Rundfahrt erklang am 25. Mai 1913 in Gent. Schon bald wurde das Radrennen durch Ost- und Westflandern zum jährlichen Höhepunkt im Radrennkalender. Das hing mit dem oft spannenden Verlauf zusammen, garantiert durch die schwierigen Kopfsteinpflasterstrecken und, nach dem Zweiten Weltkrieg, immer mehr durch gemeine Anstiege wie den Koppenberg, die Mauer von Geraardsbergen und dem Alten Kwaremont. Die Beliebtheit wurde zudem durch geschickte Werbung gesteigert. Sportwereld, die Sportzeitschrift, die hier die Initiative ergriff, vermarktete die Rundfahrt als ein flämisches Symbol sportlichen Könnens und Heldenmuts.
Roeselare, KOERS – Radrennmuseum, NEGT0236009, Maurice Terryn
Abendkriterium für Profi-Radrennfahrer in Poperinge, 1970. Der abgelichtete Rennfahrer ist Walter Godefroot, der 1968 und 1978 als Sieger aus der Runde von Flandern hervorging. Dass der Radsport im täglichen Leben so eine Rolle spielte, war auch den vielen lokalen Wettkämpfen zu verdanken. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts gab es in fast jedem Dorf oder jeder Stadt ein eigenes Jahrmarktsrennen.
Das Land des Radrennens
Ob Fußball, Tennis oder Leichtathletik: In Flandern wird viel Sport getrieben, in der Freizeit und auch professionell. Aber nur der Radsport ist als „typisch flämischer Sport“ bekannt, und zwar sowohl in Flandern als auch außerhalb.
Die Ursachen dieses Status liegen in der Vergangenheit. Am Ende des 19. Jahrhunderts stürzten sich besonders reichere Bürger auf den Radsport. Fahrräder waren schließlich teuer. Aber nach 1900 sanken die Preise und der Sport gewann die Herzen der breiten Bevölkerung. Überall fanden Radrennen statt, organisiert von örtlichen Vereinen und gesponsort vom Mittelstand. Diese konnten auf viele Zuschauer rechnen, denn Zusehen war gratis.
Um den Ersten Weltkrieg verbuchten belgische Radrennfahrer auch internationale Erfolge. In Frankreich gewannen sie so renommierte Rennen wie die Tour de France. Es entstand eine echte Sportindustrie. Die Rennställe großer französischer Fahrradfabrikanten stellten belgische Rennprofis ein, während die wachsende Sportpresse für einen fortwährenden Strom an Radrenn-Nachrichten sorgte.
Der Sport verankerte sich tief im Leben der Flamen. Viele setzten auf eine Karriere als Radrennfahrer. Die 1912 gegründete Zeitschrift Sportwereld betonte das fortwährend. Chefredakteur Karel Van Wijnendaele war ein Flämischgesinnter und wollte die Identität der Flamen stärken. Er schrieb über den Radsport als einem echten Volkssport, in dem die Flamen das Beste von sich zeigten. Seine Worte hatten Einfluss, und viele betrachteten die Radrennen als einen „flämischen Sport“. Dass flämische Radprofis im 20. und 21. Jahrhundert international erfolgreich waren, verstärkte diese Vorstellung noch.
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