Porträt der Emilie Claeys, das einzige bekannte Foto, um 1900-1920. | Gent, Amsab-ISG, fo004473
Emilie Claeys
Die „soziale Frage“ im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert waren in den Genter Baumwollspinnereien die Arbeitsbedingungen besonders schlecht. Arbeiterinnen mussten sich mit einem Lohn begnügen, der noch karger war als der Hungerlohn ihrer Männer, und oft wurden sie Opfer sexuellen Missbrauchs. Außerdem erwartete sie nach einem schweren Arbeitstag in der Fabrik noch viel Arbeit zu Hause. Die Genter Textilarbeiterin Emilie Claeys engagierte sich darum für die Emanzipation von Arbeitern und von Frauen.
Mit 31 Jahren gründete Claeys 1886 den Sozialistischen Propagandaclub für Frauen. Auch schloss sie sich der gerade gegründeten Belgischen Arbeiterpartei an. Ab 1891 gehörte sie zum Parteivorstand. Sie setzte sich für gleiche Löhne und bessere Arbeitsbedingungen ein. Dank ihr war auch das Frauenwahlrecht für kurze Zeit Teil des sozialistischen Wahlprogramms. Innerhalb der sozialistischen Bewegung blieb das traditionelle Frauenbild jedoch weiter vorherrschend. Einige Streitpunkte von Claeys wie die Umverteilung häuslicher Aufgaben und ihr Einsatz für die Geburtenregelung stießen auf wenig Begeisterung. 1895 verabschiedete sich Claeys enttäuscht von der Bewegung.
Brüssel, KIK-IRPA, Bild A025603, Edmond Sacré
Wohnverhältnisse in Gent, Ende des 19. Jahrhunderts.
Die „soziale Frage“ im 19. Jahrhundert
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Belgien zur Industrienation. Immer mehr Menschen waren als Lohnarbeiter in der schnell wachsenden Fabrikindustrie tätig. Eine kleine Unternehmergruppe machte große Gewinne, während eine Masse von Arbeitern – Männern, Frauen und Kindern – in erbärmlichen Umständen lebte. Arbeitstage von vierzehn Stunden waren keine Ausnahme, die Löhne waren untragbar niedrig, die Arbeit war gefährlich und die Wohnverhältnisse waren ungesund. Es gab kein soziales Netz bei Krankheit, Arbeitsunfällen, Arbeitslosigkeit oder im Alter. Arbeitnehmer waren auf die Wohltätigkeit ihrer Chefs angewiesen. Als in den 1870er-Jahren eine weltweite Rezession ausbrach, verschlimmerte sich die soziale Lage. Die Löhne sanken und die Arbeitslosigkeit stieg. Die Zustände in der Textilindustrie von Städten wie Gent, Aalst, Ronse und Roeselare waren himmelschreiend.
Zeitgenossen waren nicht blind gegenüber dem tiefen Elend. Besonders die Fabrikarbeit von Frauen und Kindern lag sozial engagierten Bürgern – progressiven Liberalen, Freimaurerndas Freimaurertum ist eine im 18. Jahrhundert entstandene Bewegung, die jenseits religiöser Überzeugungen nach Zusammenarbeit, Fortschritt und Sinngebung strebt und sozial empfindenden Katholiken – im Magen. Dennoch wurden selbst Gesetzvorlagen zum Verbot von Kinderarbeit bis zum Ende des Jahrhunderts nicht angenommen. Arbeitnehmer hatten kein Stimmrecht und Arbeitgeber schoben die so genannte „wirtschaftliche Freiheit“ vor, um staatliche Eingriffe in Löhne und Arbeitsbedingungen zu verhindern. In Sachen Sozialschutz hinkte Belgien dadurch anderen Industrienationen wie England und Frankreich hinterher.
Fokuspunkte
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