Porträt der Emilie Claeys, das einzige bekannte Foto, um 1900-1920. | Gent, Amsab-ISG, fo004473

Macht & Widerstand
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1855 - 1943
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Emilie Claeys

Die „soziale Frage“ im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert waren in den Genter Baumwollspinnereien die Arbeitsbedingungen besonders schlecht. Arbeiterinnen mussten sich mit einem Lohn begnügen, der noch karger war als der Hungerlohn ihrer Männer, und oft wurden sie Opfer sexuellen Missbrauchs. Außerdem erwartete sie nach einem schweren Arbeitstag in der Fabrik noch viel Arbeit zu Hause. Die Genter Textilarbeiterin Emilie Claeys engagierte sich darum für die Emanzipation von Arbeitern und von Frauen.

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Mit 31 Jahren gründete Claeys 1886 den Sozialistischen Propagandaclub für Frauen. Auch schloss sie sich der gerade gegründeten Belgischen Arbeiterpartei an. Ab 1891 gehörte sie zum Parteivorstand. Sie setzte sich für gleiche Löhne und bessere Arbeitsbedingungen ein. Dank ihr war auch das Frauenwahlrecht für kurze Zeit Teil des sozialistischen Wahlprogramms. Innerhalb der sozialistischen Bewegung blieb das traditionelle Frauenbild jedoch weiter vorherrschend. Einige Streitpunkte von Claeys wie die Umverteilung häuslicher Aufgaben und ihr Einsatz für die Geburtenregelung stießen auf wenig Begeisterung. 1895 verabschiedete sich Claeys enttäuscht von der Bewegung.

<p>Wohnverhältnisse in Gent, Ende des 19. Jahrhunderts.</p>

Brüssel, KIK-IRPA, Bild A025603, Edmond Sacré

Wohnverhältnisse in Gent, Ende des 19. Jahrhunderts.

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Die „soziale Frage“ im 19. Jahrhundert

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Belgien zur Industrienation. Immer mehr Menschen waren als Lohnarbeiter in der schnell wachsenden Fabrikindustrie tätig. Eine kleine Unternehmergruppe machte große Gewinne, während eine Masse von Arbeitern – Männern, Frauen und Kindern – in erbärmlichen Umständen lebte. Arbeitstage von vierzehn Stunden waren keine Ausnahme, die Löhne waren untragbar niedrig, die Arbeit war gefährlich und die Wohnverhältnisse waren ungesund. Es gab kein soziales Netz bei Krankheit, Arbeitsunfällen, Arbeitslosigkeit oder im Alter. Arbeitnehmer waren auf die Wohltätigkeit ihrer Chefs angewiesen. Als in den 1870er-Jahren eine weltweite Rezession ausbrach, verschlimmerte sich die soziale Lage. Die Löhne sanken und die Arbeitslosigkeit stieg. Die Zustände in der Textilindustrie von Städten wie Gent, Aalst, Ronse und Roeselare waren himmelschreiend.

Zeitgenossen waren nicht blind gegenüber dem tiefen Elend. Besonders die Fabrikarbeit von Frauen und Kindern lag sozial engagierten Bürgern – progressiven Liberalen, Freimaurerndas Freimaurertum ist eine im 18. Jahrhundert entstandene Bewegung, die jenseits religiöser Überzeugungen nach Zusammenarbeit, Fortschritt und Sinngebung strebt und sozial empfindenden Katholiken – im Magen. Dennoch wurden selbst Gesetzvorlagen zum Verbot von Kinderarbeit bis zum Ende des Jahrhunderts nicht angenommen. Arbeitnehmer hatten kein Stimmrecht und Arbeitgeber schoben die so genannte „wirtschaftliche Freiheit“ vor, um staatliche Eingriffe in Löhne und Arbeitsbedingungen zu verhindern. In Sachen Sozialschutz hinkte Belgien dadurch anderen Industrienationen wie England und Frankreich hinterher.

Fokuspunkte

Gent, Amsab-ISG, fo006079, Van der Sypt

Edward Anseele (1856-1938) im Jahr 1906.

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Widerstand durch Vereinigung

Arbeiter hatten anfangs wenig Mittel, selbst etwas an ihre Arbeits- und Lebensbedingungen zu ändern. Streiks waren bis 1866 strafbar, und das erschwerte die Gründung von Gewerkschaften. Ihre mangelhafte Ausbildung und niedrigen Löhne beeinträchtigten die Organisationskraft der Industriearbeiter und -arbeiterinnen zusätzlich. Ihnen blieb lediglich die Waffe des Spontanstreiks.

Das änderte sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. In den Industriestädten wurden Krankenkassen sowie Gewerkschaften gegründet, die bessere Arbeitsbedingungen forderten. Mit genossenschaftlichen Unternehmen wie Bäckereien oder Kohlenhandlungen versuchte die junge Arbeiterbewegung, die Kaufkraft von Arbeiterfamilien zu verbessern.

In Gent, Flanderns wichtigster Industriestadt, spielte die junge sozialistische Bewegung, in der auch Emilie Claeys aktiv war, eine Vorreiterrolle. Ihre zentrale Gestalt war Edward Anseele, dem es gelang, die Arbeiter zur Vereinigung zu bewegen. 1880 wurde die genossenschaftliche Bäckerei Vooruit („Vorwärts“) gegründet, die erste von einer langen Reihe genossenschaftlicher Unternehmen. Mit den damit erzielten Einkünften finanzierte er die sozialistische Bewegung, die so immer stärker wurde. Mit durch sein Zutun wurde 1885 die Belgische Arbeiterpartei gegründet, das politische Sprachrohr der Sozialisten. Ihre wichtigste Anhängerschaft fand die Partei in den Industriegebieten von Lüttich und des Hennegaus.

Auch Katholiken entwickelten immer mehr Aktivitäten für Arbeiter, oft als Reaktion auf die sozialistischen Initiativen, die sie als revolutionär abstempelten. Besonders nach einem Aufruf von Papst Leo XIII. in der Enzyklikaein päpstlicher Rundbrief zu einem religiösen oder moralischen Thema Rerum Novarum (1891) entstanden zahlreiche katholische Arbeitervereine.

La Linière Gantoise.

Gent, Industriemuseum

Arbeiterinnen in der Genter Flachsspinnerei „La Linière Gantoise“, frühes 20. Jahrhundert.

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Der erste Sozialschutz

Im Frühjahr 1886 legten Arbeiter die wallonischen Industriegebiete für Wochen lahm. Der revolutionäre Streik und dessen blutige Niederschlagung durch die Armee schockierten Bürger und Politiker. Außerdem gewannen neue Ideen über die Gesellschaft an Boden. Diese Veränderung ermöglichte eine schützende Arbeitsgesetzgebung.

Jedoch war es ein zäher Prozess. 1887 durften Löhne nicht länger in Natura oder in einem Gasthaus ausbezahlt werden. Das Gesetz von 1889 verbot Kinderarbeit unter 12 Jahren und begrenzte die Arbeitszeit für Mädchen zwischen 12 und 21 Jahren auf zwölf Stunden täglich. Außerdem führte das Gesetz drei Wochen obligatorischen, unbezahlten Mutterschaftsurlaib ein. 1903 wurde ein Gesetz zu Arbeitsunfällen verabschiedet, das Opfern erstmals einen finanziellen Schutz bot. 1911 wurden unterirdische Arbeit in den Minen und Nachtarbeit für Frauen verboten. 1914 folgte ein Verbot von Kinderarbeit unter 14 Jahren.

Die Reichweite der ersten Sozialgesetze blieb begrenzt. 1914 betrug die Arbeitszeit immer noch durchschnittlich zehn Stunden am Tag und sechs Tage die Woche. Auch grundlegende Fragen wie Unterstützung bei Krankheit, im Alter oder bei Arbeitslosigkeit fanden keine schlüssige gesetzliche Lösung. Streiks wurde nach wie vor erschwert. Erst die weitere Demokratisierung nach dem Ersten Weltkrieg sollte dies ändern.

Banier gildehuis Sint-Niklaas.
Löwen, KADOC-KU Leuven, Archiv Atelier Van Severen-Ente, 95

Die katholische Arbeiterbewegung hatte ihre eigenen „Gildehäuser“. Damit knüpfte sie an die alten Handwerksgilden an. Diess ist die Flagge des Gildehauses von Sint-Niklaas, 1895-1914.

www.demaertelaere-bentos.be

Die sozialen Verhältnisse um 1900 inspirierten sozial-realistische Maler wie Achilles de Maertelaere (1882-1964). Dieses Gemälde aus dem Jahr 1905 hat den vielsagenden Titel De klok slaat 5 ure! Half slapend gaan zij naar ’t fabriek („Die Uhr schlägt 5! Halb schlafend gehen sie zur Fabrik“).

Vooruit.
Paul Lamont

Die sozialistische Bewegung schuf mit den Volkshäusern öffentliche Orte für ihre Mitglieder. Im Jahr 1913 öffnete der Festsaal Vooruit (Vorwärts) in Gent seine Türen. Arbeiter und Arbeiterinnen konnten sich dort treffen, essen und trinken sowie Kultur erleben.

Roeselare, Sammlung Johan Delbecke

Im Jahr 1913 schlossen einundzwanzig Textilbetriebe in Roeselare ihre Arbeiternehmerinnen aus, da ein Streik für höhere Löhne drohte. Dieser „Lockout” dauerte vier Monate an und betraf fast 4000 Abreitnehmer, hauptsächlich Frauen. Dieses Foto der „Ausgeschlossenen” wurde für 20 Cent vom Hilfsfonds der christlichen Gewerkschaft verkauft.

Broodverdeler van Samenwerkende Maatschappij Vooruit in Mechelen. De Gentse coöperatieve bakkerij Vooruit was een groot succes. Het initiatief werd met hulp van de Gentse socialisten naar andere steden uitgebreid.
Gent, Amsab-ISG, fo000602, F. Bernabee

Brotverteiler der Kooperative „Vooruit“ in Mechelen. Die Bäckerei Vooruit in Gent war ein großer Erfolg. Die Initiative wurde mit Hilfe der Genter Sozialisten auf andere Städte ausgeweitete.

Erfahren Sie mehr über dieses Thema

100 jaar Vooruit
100 jaar Vooruit

Bron: VRT Archief, De Raconteurs – 16 apr 2013

Terzake Vooruit
Terzake Vooruit

Bron: VRT archief, AMSAB – 10 okt 2020

Sachbuch


Bauwens Eric
Vader Anseele: Edward Anseele (1856-1938), politicus, ondernemer, mythe

Vrijdag, 2019. 

Bracke Nele
Tussen twee stoelen: Emilie Claeys (1855-1943), feministe en socialiste

Historica, 1997, 2, p. 3-5. 

Brepoels Jaak
Wat zoudt gij zonder ‘t werkvolk zijn?: de geschiedenis van de Belgische arbeidersbeweging 1830-2015

Van Halewyck, 2015. 

De Weerdt Denise
En de vrouwen? Vrouw, vrouwenbeweging en feminisme in België (1830-1960)

Masereelfonds, 1980. 

Deneckere Gita
Sire, het volk mort. Sociaal protest in België 1831-1918

Hadewijch, 1997. 

Dumolyn Jan & Mampaey Tjen (red.)
België. Een geschiedenis van onderuit

Epo, 2012.  

Gerard Emmanuel (red.)
De christelijke arbeidersbeweging in België

2 dln., UPL, 1991. 

Triest Monika
Wat zoudt gij zonder ’t vrouwvolk zijn? Een geschiedenis van het feminisme in België

Uitgeverij Vrijdag, 2018. 

Van Den Berghe Jan
Vergeten vrouwen. Een tegendraadse kroniek van België

2016.

Vanschoenbeek Guy
Emilie Claeys (1855-1943). Feministische heilige, socialistische dissidente of speelbal van de wisselvalligheden van het lot. Een kleine oefening in historische kritiek

Brood en Rozen, 1996, 3, p. 67-81. 

Verdoodt Frans-Jos
Daens

Sterck en De Vreese, 2020. 

Fiktionales


Boon Louis Paul
De Kapellekensbaan

Athenaeum – Polak & Van Gennep, 2018. 

Boon Louis Paul
Pieter Daens, of hoe in de negentiende eeuw de arbeiders van Aalst vochten tegen armoede en onrecht

De Arbeiderspers, 2014.

Van der Vlugt Simone
Zwarte sneeuw

Lemniscaat, 2000. (12+)

Van Loon Inze
Mathilde, ik kom je halen

Clavis, 2018. (9+) 

Vereecken Kathleen
Alle kleuren grijs

Standaard, 1997. (12+)

Comics


Capiteyn André & Musschoot Mark
De strip van Gent

Stad Gent, 1990.

Collectieve Vive La Sociale
Strijdlawijt, Honderd jaar werkmansliederen

EPO, 2013. 

Film
Daens

Stijn Coninx (Universal, 2000).