Frontispiz des Buches De Leeuw van Vlaenderen, of de Slag der Gulden Sporen (Der Löwe von Flandern, oder die Schlacht der Goldenen Sporen) (1838). Entwurf von Gustaaf Wappers (1803-1874). | Antwerpen, Sammlung Stadt Antwerpen. Letterenhuis
Der Löwe von Flandern
Hendrik Conscience und die Flämische Bewegung
Warum feiert die Flämische Gemeinschaft den 11. Juli, ehrt die Nationalhymne Flanderns einen stolzen Löwen und ziert ebendieses Tier die flämische Fahne? Das alles geht auf den Erfolg eines einzigen Buches zurück: De Leeuw van Vlaenderen von Hendrik Conscience.
Aus alten Chroniken und einer Dosis Fantasie braute Conscience 1838 einen Roman über die Spannungen zwischen Frankreich und der Grafschaft Flandern im frühen 14. Jahrhundert. Dabei lernen wir den weisen Grafen Gwijde van Dampierre (Guido I. von Flandern) und dessen Sohn Robrecht von Béthune (Robert III. Von Flandern) kennen, der den Beinamen „Löwe von Flandern“ trug. Ebenso unvergesslich sind Pieter de Coninck und Jan Breydel, die Conscience an die Spitze der Brügger Handwerkergilden setzt. Seite an Seite mit dem Löwen von Flandern schlagen diese Volkslenker am 11. Juli 1302 die französische Armee. Dank des Romans ist die blutige Schlacht bei Kortrijk als die Schlacht der Goldenen Sporen bekannt.
Conscience jonglierte regelmäßig mit den historischen Fakten. Er wollte seine Leserschaft nicht nur unterhalten, sondern ihr auch ein flämisches Selbstbewusstsein vermitteln. Sein Vornehmen gelang: De Leeuw van Vlaenderen eroberte viele Leserherzen und schuf die Grundlage für die flämische nationale Symbolik.
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Hendrik Conscience wurde noch zu Lebzeiten mit einer Statue des Künstlers Frans Joris (1851-1914) geehrt, sie steht auf einem nach Conscience benannte Platz in Antwerpen. Kurz nach der Einweihung im Jahr 1883 starb Conscience.
Hendrik Conscience und die Flämische Bewegung
Der in Antwerpen geborene Hendrik Conscience begann seine Schriftstellerlaufbahn auf Französisch. Unlogisch war das nicht: Sein Vater war ein zugezogener Franzose, und in dem jungen Belgien erschien das Französische dazu vorbestimmt, die einzige offizielle Sprache zu werden. Dennoch wechselte Conscience 1837 in die Sprache seiner Mutter: das Niederländische, damals Nederduits oder Flämisch genannt. Er hatte die Überzeugung gewonnen, dass seine eigene Muttersprache und die der Mehrheit der Belgier einen offiziellen Status und eine eigene Literatur verdiente.
Andere Autoren traten in die Fußspuren Consciences, und so wurde die Literatur im 19. Jahrhundert zum Motor der Flämischen Bewegung. Die Bewegung stieß in erster Linie bei zweisprachigen Intellektuellen aus dem niederen Bürgertum auf Anklang. Sie setzte sich für die Anerkennung der niederländischen Sprache im öffentlichen Leben ein und warb für eine flämische kulturelle Identität. Einen großen Beitrag zu diesem flämischen Kulturnationalismus lieferten der liberale Willemsfonds (benannt nach dem Schriftsteller Jan Frans Willems) und der katholische Davidsfonds (benannt nach dem Löwener Professor und Priester Jan-Baptist David). Diese Organisationen gaben Bücher heraus, gründeten Bibliotheken, förderten das Sprachenstudium und stimulierten das flämische Musik- und Schauspielwesen.
Die Flämischgesinnten waren auf Sprache und Kultur ausgerichtet, aber dennoch nicht blind gegenüber der großen Armut und den schlechten Arbeitsumständen in Flandern. Genau wie Liberale und Katholiken schlugen sie jedoch nur Lösungen vor, die sich in Wohltätigkeit erschöpften. Die Ursachen gesellschaftlicher Ungleichheit und Ausbeutung landeten auch unter dem Einfluss des aufkommenden Sozialismus erst später im 19. Jahrhundert auf der politischen Tagesordnung.
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