Der Eintrag „goesting“ (dt. „Bock“) im Van Dale, dem Großen Wörterbuch der Niederländischen Sprache, 2022.
„Goesting“
Eine Standardsprache für Flandern
Jemand mit goesting (Appetit) auf einen Croque-monsieur? Das muss ein Flame sein. Offiziell teilen die niederländischsprachigen Belgier ihre Sprache mit der Bevölkerung der Niederlande. Dennoch erkennen Flamen sofort einen Niederländer (und umgekehrt), weil ihre Umgangssprache sich unterscheidet. So hat ein Niederländer eher trek auf einen tosti.
Das maßgebliche Van Dale-Wörterbuch definiert goesting als „Lust, Appetit, Geschmack“. Es steckt in Ausdrücken wie „ieder zijn goesting“ („jeder nach seinem Geschmack“) oder „een broek vol goesting“ („eine Hose voll goesting“ = Lust auf Sex). Van Dale weiß auch, dass „goesting“ ein informelles Wort ist, das ausschließlich im belgischen Niederländisch vorkommt, der Variante des Niederländischen, die in Flandern verwendet wird und von der Nähe des Französischen mitgeprägt ist.
Die Unterschiede zwischen niederländischem und belgischem Niederländisch illustrieren, dass Staatsgrenzen den Sprachgebrauch beeinflussen. Gleichzeitig ist der Einfluss der Politik auch begrenzt. Manche (meist ältere) Flamen hängen noch sehr an ihrem Dialekt. Die meisten Jugendlichen drücken sich heute in einer so genannten „tussentaal“ („Zwischensprache“) aus. Und dann gibt es noch die neu Hinzugekommenen, die ihre eigenen Wörter und Ausdrücke mitbringen und so die hiesige Sprache einfärben.
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Der Schriftsteller, Philologe und flämische Unabhängigkeitsbefürworter Jan Frans Willems (1793-1846) war ein großer Verfechter einer einheitlichen Sprache für Flamen und Niederländer.
Eine Standardsprache für Flandern
Das Standardniederländische entstand ab dem 16. Jahrhundert in den heutigen Niederlanden. Drucker, Beamte und Juristen plädierten damals für einheitliche Sprachvorschriften. Besonders das Holländische des reichen Bürgertums lieferte das Rohmaterial für eine Modellsprache, die im ganzen Land als Standard verbreitet wurde. Sprachstandardisierung war Menschenwerk: Gelehrte legten Regeln fest und bestimmten, welche Wörter und Satzkonstruktionen fortan noch korrekt waren. Dieses Wissen legten sie in Wörterbüchern und Grammatiken fest.
Als die Flämische Bewegung sich im 19. Jahrhundert für die Niederländischsprachigen in Belgien stark machte, kam es bald zu Diskussionen über die Standardsprache. Sollten die Flamen eine eigene Version entwickeln oder den Standard aus den Niederlanden übernehmen? Die zweite Option gewann den Streit – ein „Standardflämisch“ würde den meisten Sprachkundlern und flämischen Kulturnationalisten zufolge wenig Ansehen genießen und könnte nicht mit dem Französischen wetteifern, das als die offizielle Sprache in Belgien fungierte. Auch hofften die flämischen Kulturnationalisten, eine vereinheitlichte Sprache würde die kulturelle und politische Annäherung an die Niederlande fördern.
Trotz der bisweilen erregten Diskussionen über Sprachkorrektheit frönten viele Flamen auch weiterhin ihrer „goesting“ und taten, was sie wollten. So besehen ist es vielleicht nicht ganz zufällig, dass ausgerechnet „goesting“ 2004 von den Radio-1-Hörern zum schönsten niederländischen Wort gewählt wurde.
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