Der Eintrag „goesting“ (dt. „Bock“) im Van Dale, dem Großen Wörterbuch der Niederländischen Sprache, 2022.

Grenzen, Sprache & Grundgebiet
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2004
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„Goesting“

Eine Standardsprache für Flandern

Jemand mit goesting (Appetit) auf einen Croque-monsieur? Das muss ein Flame sein. Offiziell teilen die niederländischsprachigen Belgier ihre Sprache mit der Bevölkerung der Niederlande. Dennoch erkennen Flamen sofort einen Niederländer (und umgekehrt), weil ihre Umgangssprache sich unterscheidet. So hat ein Niederländer eher trek auf einen tosti.

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Das maßgebliche Van Dale-Wörterbuch definiert goesting als „Lust, Appetit, Geschmack“. Es steckt in Ausdrücken wie „ieder zijn goesting“ („jeder nach seinem Geschmack“) oder „een broek vol goesting“ („eine Hose voll goesting“ = Lust auf Sex). Van Dale weiß auch, dass „goesting“ ein informelles Wort ist, das ausschließlich im belgischen Niederländisch vorkommt, der Variante des Niederländischen, die in Flandern verwendet wird und von der Nähe des Französischen mitgeprägt ist.

Die Unterschiede zwischen niederländischem und belgischem Niederländisch illustrieren, dass Staatsgrenzen den Sprachgebrauch beeinflussen. Gleichzeitig ist der Einfluss der Politik auch begrenzt. Manche (meist ältere) Flamen hängen noch sehr an ihrem Dialekt. Die meisten Jugendlichen drücken sich heute in einer so genannten „tussentaal“ („Zwischensprache“) aus. Und dann gibt es noch die neu Hinzugekommenen, die ihre eigenen Wörter und Ausdrücke mitbringen und so die hiesige Sprache einfärben.

<p>Der Schriftsteller, Philologe und flämische Unabhängigkeitsbefürworter Jan Frans Willems (1793-1846) war ein großer Verfechter einer einheitlichen Sprache für Flamen und Niederländer.</p>

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Der Schriftsteller, Philologe und flämische Unabhängigkeitsbefürworter Jan Frans Willems (1793-1846) war ein großer Verfechter einer einheitlichen Sprache für Flamen und Niederländer.

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Eine Standardsprache für Flandern

Das Standardniederländische entstand ab dem 16. Jahrhundert in den heutigen Niederlanden. Drucker, Beamte und Juristen plädierten damals für einheitliche Sprachvorschriften. Besonders das Holländische des reichen Bürgertums lieferte das Rohmaterial für eine Modellsprache, die im ganzen Land als Standard verbreitet wurde. Sprachstandardisierung war Menschenwerk: Gelehrte legten Regeln fest und bestimmten, welche Wörter und Satzkonstruktionen fortan noch korrekt waren. Dieses Wissen legten sie in Wörterbüchern und Grammatiken fest.

Als die Flämische Bewegung sich im 19. Jahrhundert für die Niederländischsprachigen in Belgien stark machte, kam es bald zu Diskussionen über die Standardsprache. Sollten die Flamen eine eigene Version entwickeln oder den Standard aus den Niederlanden übernehmen? Die zweite Option gewann den Streit – ein „Standardflämisch“ würde den meisten Sprachkundlern und flämischen Kulturnationalisten zufolge wenig Ansehen genießen und könnte nicht mit dem Französischen wetteifern, das als die offizielle Sprache in Belgien fungierte. Auch hofften die flämischen Kulturnationalisten, eine vereinheitlichte Sprache würde die kulturelle und politische Annäherung an die Niederlande fördern.

Trotz der bisweilen erregten Diskussionen über Sprachkorrektheit frönten viele Flamen auch weiterhin ihrer „goesting“ und taten, was sie wollten. So besehen ist es vielleicht nicht ganz zufällig, dass ausgerechnet „goesting“ 2004 von den Radio-1-Hörern zum schönsten niederländischen Wort gewählt wurde.

Fokuspunkte

Wilfried Martens.

Amsterdam, Nationalarchiv der Niederlande

Der spätere belgische Premierminister Wilfried Martens (1936-2013) schloss sich einer Kerngruppe für die Vereinheitlichung der Sprache an. In seinen Memoiren erinnerte er sich noch an den Tag, an dem er feierlich dem Gebrauch seines Dialektes abschwor.

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Die ABN-Offensive

Die Flämische Bewegung betrachtete das Standardniederländische als ein wichtiges Instrument zur „Hebung“ der Flamen. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein sprach man übrigens vom Algemeen Beschaafd Nederlands (ABN). „Beschaafd“, das heißt: kultiviert zu sprechen und zu schreiben zeugte von Bildung und Vornehmheit.

Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg warben Zeitungen, (Schul-)Bücher, Radio und Fernsehen in Flandern für den Gebrauch des ABN. Bekannt war die Sendung Hier spreekt men Nederlands („Hier spricht man Niederländisch“), die von 1962 bis 1972 direkt vor den BRT-Nachrichten zu sehen war. Darin erläuterte der Moderator Joos Florquin den Zuschauern, dass man beispielsweise nicht „goesting“ sagen sollte, sondern „trek“ („Appetit“) oder „zin“ („Lust), und für den Schlussverkauf nicht „solden“, sondern „koopjes“.

In derselben Zeit gründeten sprachbewusste Schüler so genannte „ABN-Kerne“, Zirkel, in denen immer „beschaafd“ gesprochen wurde und die zum Gebrauch der Standardsprache in der Schule ermunterten.

Seit 1980 vertritt die Taalunie („Sprachunion“) im Auftrag der niederländischen und flämischen Regierung die Belange des Niederländischen – einer Sprache, die übrigens auch in Surinam und auf den Karibischen Inseln gesprochen wird. Die Taalunie betrachtet die niederländischen, flämischen und surinamischen Varietäten des Niederländisch heute trotz ihrer jeweiligen Unterschiede als gleichwertig.

Der etwas steife Umgang mit der Sprache in Flandern wurde allmählich lockerer. Heute heißt die Standardsprache kurz Algemeen Nederlands (AN). Andere Sprachvarianten als „onbeschaafd“ oder unkultiviert zu bezeichnen, ist  mittlerweile nicht mehr so in Ordnung.

Drarrie.

Antwerpen, Uitgeverij Vrijdag

Drarrie in de nacht (dt. Übersetzung Wir da draußen) (2014), der zweite Roman des Autors und Theatermachers Fikry El Azzouzi porträtiert ein paar jugendliche Straßenrebellen in einer ostflämischen Provinzstadt. Ein Jahr nach Erscheinen des Romans wurde das Wort „drarrie“ (und die Variante „drerrie“) in den sogenannten Dicken Van Dale aufgenommen.

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Ewa drerrie

Neben dem Allgemeinen Niederländisch werden in Flandern flämische, brabantische und limburgische Dialekte gesprochen. Jedoch wachsen immer weniger Kinder mit diesen Dialekten auf. In der Schule sprechen sie mit ihren Altersgenossen hauptsächlich „tussentaal“ oder informelle Umgangssprache. Diese „Zwischensprache“ variiert von Region zu Region, hat aber überregionale Übereinstimmungen und ist stark von den um die Achse Antwerpen-Brüssel gesprochenen Dialekten beeinflusst.

Erst dachten Sprachwissenschaftler, die tussentaal sei ein Schritt im Übergang von den alten Dialekten zur avisierten Standardsprache. Dem war offenbar nicht so. Mittlerweile ist die tussentaal immer öfter im Radio und Fernsehen oder auch in Filmen zu hören. Dass der Van Dale ein Wort wie „goesting“ früher als „regional“ ablehnte, inzwischen aber als belgisches Niederländisch akzeptiert, illustriert ebenfalls die gestiegene Toleranz für die Umgangssprache in Flandern.

Die Standardsprache, die Dialekte und die tussentaal gehören alle zur Familie des Niederländischen, und die Grenzen zwischen ihnen sind nicht scharf zu umreißen. Neben dem Niederländischen erklingt in den Straßen Flanderns übrigens noch sehr viel mehr. 2021 war für fast 30% der in Flandern geborenen Kinder die häusliche Sprache nicht das Niederländische. Die am häufigsten vorkommenden Fremdsprachen sind momentan Französisch, Arabisch und Türkisch. Und auch diese Sprachen erneuern die flämische Umgangssprache. 2020 wählte die flämische Jugend „ewa drerrie“ zum Kinderwort des Jahres – eine marokkanisch-arabische Begrüßung, die so viel wie „he du“ oder „hallo“ bedeutet.

WNT
Antwerpen, Sammlung Stadt Antwerpen, Historische Bibliothek Hendrik Conscience, C 17682

Das Woordenboek der Nederlandsche Taal (Wörterbuch der niederländischen Sprache) (WNT) umfasst etwa 400.000 Wörter aus dem Niederländischen und gilt als das größte Wörterbuch der Welt. Der erste Band (von A bis Aanhaling) erschien 1864, der letzte (von Zuid tot Zythum) 1998. Das WNT ist vollständig im Internet frei verfügbar.

Het Groene Boekje geldt al decennialang als de bijbel van de Nederlandse spelling. De eerste versie gaat terug op de ‘Woordenlijst van de Nederlandse taal’ uit 1865. Sinds haar oprichting in 1980 waakt de Nederlandse Taalunie over de uitgave ervan. Het Groene Boekje is vandaag integraal en gratis online te consulteren.
Wikimedia Commons

Het Groene Boekje (Das Grüne Büchlein) gilt seit Jahrzehnten als Bibel der niederländischen Rechtschreibung. Die Erstversion geht auf die Wörterliste der niederländischen Sprache aus dem Jahr 1865 zurück. Seit ihrer Gründung im Jahr 1980 wacht die Nederlandse Taalunie (Niederländische Sprachunion) über alle Neuauflagen. Das Grüne Büchlein ist heute vollständig und kostenlos einsehbar.

Hier spreekt men Nederlands.
Brüssel, VRT

Zwischen 1962 und 1972 strahlte der BRT kurz vor den Nachrichten die Sendung Hier spreekt men Nederlands (Hier spricht man Niederländisch) aus.

Suske en Wiske Nerveuze Nerviërs.
Antwerpen, Standaard Uitgeverij @ 2023, Willy Vandersteen

In De Nerveuze Nerviërs (Die nervösen Nervier) (1964) der Comicreihe Suske en Wiske setzt sich Tante Sidonie für die Verwendung des Hochniederländischen (ABN) ein. Fortan möchte sie auch mit Tante Sidonia angesprochen werden.

Pastoor Munte.
Brüssel, VRT, Fotograf Henri Denis

Schauspieler und Regisseur Luc Philips (1915-2002) erlebte eine beeindruckende Karriere auf der Bühne und als Filmschauspieler aus. Seine Glanzrolle spielte er als Pastor Munte mit markantem Dialekt in der Fernsehserie Wij, heren van Zichem (Wir, Herren von Zichem) (öffentlich-rechtliches Fernsehen, 1969), basierend auf den Geschichten von Ernest Claes (1885-1968).

Goesting scouts.
Antwerpen, Scouts en Gidsen Vlaanderen

Scouts en Gidsen Vlaanderen (Pfadfinder und Pfadfinderinnen Flandern) zögerte nicht, in einer Werbekampagne aus dem Jahr 2022 das schönste niederländischsprachige Wort zu verwenden: „Goesting“ („Bock“).

Erfahren Sie mehr über dieses Thema

Goesting
Hier spreekt men Nederlands

Bron: VRT-archief – 16 apr 1966

Het volk is gansch de taal
Vereeniging Het Volk is Gansch de Taal

Bron: VRT-archief – 2 jan 2003

Sachbuch


De Caluwe Johan, Delarue Steven & Ghyselen Anne-Sophie
Tussentaal: over de talige ruimte tussen dialect en standaardtaal in Vlaanderen

Academia Press, 2013.

De Caluwe Johan, De Tier Veronique, Ghyselen Anne-Sophie & Vandenberghe Roxane
Atlas van het dialect in Vlaanderen

Lannoo, 2022. 

De Sutter Gert
De vele gezichten van het Nederlands in Vlaanderen

Acco, 2018. 

Stichting Nederlandse Dialecten
Wie zegt wat waar? Regionale taal in Nederland en Vlaanderen

Genootschap Onze Taal, 2021. 

Van Der Gucht Fieke, e.a.
Atlas van de Nederlandse taal: editie Vlaanderen

Lannoo, 2018. 

Van Der Sijs Nicoline
Taalwetten maken en vinden

Sterck & De Vreese, 2021. 

Willemyns Roland & Daniëls Wim
Het verhaal van het Vlaams:de geschiedenis van het Nederlands in de Zuidelijke Nederlanden

Standaard, 2003. 

Wils Lode
Waarom Vlaanderen Nederlands spreekt

Davidsfonds, 2001. 

Witte Els & Van Velthoven Harry
Strijden om taal: de Belgische taalkwestie in historisch perspectief

Pelckmans, 2010. 

Fiktionales


El Azzouzi Fikry
Drarrie in de nacht

Vrijdag, 2014. (16+)

Comics


Vandersteen Willy
Suske en Wiske. De nerveuze Nerviërs (nr. 69)

Standaard Uitgeverij, 1972.